“Wir sind Urheber” oder: Ein paar Gedanken zum Urheberrecht

Gepostet am 15 Mai 2012

Letzte Woche habe ich bei “Wir sind Urheber” unterschrieben. Das ist eine Initiative von Urhebern, die sich gegen die Aktion “Wir sind die Urheber” distanzieren wollen, die von einer Zahl prominenter Autoren und Künstler unter großem Mediengetöse ins Leben gerufen wurde. Der Grund: Wir fühlen uns von diesen Leuten und ihrem Anliegen nicht repräsentiert – und das, obwohl wir ebenfalls als Urheber tätig sind. Vor allem aber halten wir die Aktion für wenig hilfreich und dafür gibt es einige Gründe:

Diejenigen, die dort unterzeichnet haben, gehören, wie auch Udo Vetter im Law Blog es formuliert hat, zur Minderheit der Besserverdienern unter den Urhebern, während ein riesiger Teil derjenigen, die als Urheber tätig sind, vom Kuchen  nichts abbekommt. Es ist auch nicht so, dass wir das Urheberrecht bedroht sehen, denn niemand will es abschaffen – übrigens schon gar nicht die Piraten, wie ihnen immer wieder unterstellt wird. Wer das noch immer glaubt, sollte schnellstens ein Blick in deren Parteiprogramm werfen. Schlimm ist dann auch der Satz “Der in diesem Zusammenhang behauptete Interessengegensatz zwischen Urhebern und ‘Verwertern’  entwirft ein abwegiges Bild unserer Arbeitsrealität” – wer jemals als Journalist gearbeitet hat, wird darüber nur müde grinsen. Der Satz ist insofern auch nicht weiter verwunderlich, denn die Aktion wurde von einem Verwerter ins Leben gerufen: Matthias Landwehr ist Literaturagent – wer sich ein Bild über ihn machen möchte, sollte hier mal reinschauen. Nicht eingegangen wird außerdem auf die Abmahnindustrie und die ist es doch immerhin, die um die es von Anfang an eigentlich bei der Diskussion um eine Anpassung des Urheberrechts eigentlich ging.

Udo Vetter vom Law Blog hat die Aktion “Wir sind die Urheber” im Law Blog ebenfalls kritisiert: “Ihr seid nicht systemrelevant”, sehr lesenswert ist außerdem auch der Artikel von Petra Cronenburg:  “Wir sind ohne mich”. Beide Artikel möchte ich dringend ans Herz legen.

Die Forderung von “Wir sind Urheber” lautet:

Auch wir sind Urheber/innen von Texten, Musik, Bildern, Software und anderen Kulturgütern, doch diese Gruppe repräsentiert uns nicht und wir distanzieren uns von ihrem Anliegen.

Während die traditionellen Medien – vom Buch bis zur Tageszeitung, vom Theater bis zum Kinofilm, von der Schallplatte bis zur DVD – immer der Kontrolle kleiner Gruppen unterlagen, ist mit dem Internet zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein allgemein zugängliches Medium für das (individuelle oder gemeinschaftliche) Schaffen, Teilen und Verteilen von Kulturgütern entstanden. Damit verwischen zunehmend auch die Grenzen zwischen Produzent/innen und Konsument/innen dieser Güter.

Die Diskussion um vermeintliche Gefahren des Internets für Urheber/innen blendet Schaffensprozesse aus, die durch das Internet begünstigt oder überhaupt erst ermöglicht werden. Die Möglichkeiten für eine echte Weiterentwicklung kultureller Prozesse dürfen nicht wirtschaftlichen Interessen geopfert werden: Die Teilhabe an künstlerischem Schaffen hat Vorrang vor der Besitzstandswahrung einiger weniger oder der Bekämpfung (tatsächlicher oder angeblicher) wirtschaftlicher Schäden.

Es gilt, die Interessen aller Urheber/innen und der Konsument/innen so zu stärken, dass ihr kulturelles Potenzial sich frei von Behinderungen durch ein rückwärtsgerichtetes Monopoldenken entfalten kann. Das Urheberrecht und die darauf beruhenden Schutz- und Vertragsrechte sollen es Kulturschaffenden aller Art ermöglichen, über ihre Schöpfungen selbstverantwortlich zu verfügen. Dies muss jedoch in einem Ausmaß geschehen, das nicht den Interessen der Kulturgemeinschaft insgesamt widerspricht.

Das Durchsetzen kommerzieller Interessen von Verwertern und Urhebern oder die Bekämpfung von Fehlentwicklungen wie der illegalen Verwertung fremder Immaterialgüter durch die kriminelle missbräuchliche Verwendung von File-Hostern rechtfertigen keine Eingriffe in den freien Austausch von Informationen, und sie sind keine Entschuldigung für eine Überwachung von Internetnutzer/innen oder andere Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten.

Als Urheber/innen fordern wir, dass bei Diskussionen um das Urheberrecht weder die freie Entwicklung des Internets noch die bürgerlichen Grundrechte den Einzelinteressen einiger Verwertungsgesellschaften, Autor/innen und Künstler/innen untergeordnet werden.

 

Das Thema Urheberrecht wird unter uns Textern und Autoren seit Wochen kontrovers diskutiert und momentan wirkt es so, als müsse man sich zwischen einer der beiden Seiten entscheiden. Wer nicht dafür ist, muss dagegen sein. Auf der einen Seite, die, die das Urheberrecht (angeblich) abschaffen wollen, auf der anderen die, die es erhalten möchten, weil sie Angst um die Produkte ihrer geistigen Arbeit haben. Auf der einen Seite diejenigen, die (angeblich) kompromisslos alles allen in Netz kostenlos zur Verfügung stellen wollen und auf der anderen Seite diejenigen, die mit dem Wert ihrer Arbeit argumentieren. Die Fronten sind denkbar verhärtet. Mit der Aktion von Anonymous, Adressdaten einiger Unterzeichner von “Wir sind die Urheber” ins Netz zu stellen, wurde nur noch weiteres Öl ins Feuer gegossen. Die Aktivisten haben dafür allerdings nicht die Seite von “Wir sind die Urheber” gehackt, um an die Daten zu kommen, sondern haben die Adressen im Netz zusammengesucht, denn da waren sie öffentlich einsehbar. Die Entrüstung an der Aktion zeigte daher in meinen Augen auch, wie wenig Ahnung viele, die über das Urheberrecht und das Internet diskutieren, über dieses eigentlich haben. Natürlich wurde eine Erklärung von Anonymous veröffentlicht, wo man die Beweggründe für diese Aktion nachlesen kann: Es ging darum, zu zeigen, dass die Unterzeichner von “Wir sind die Urheber” im Grunde im Sinne der Content Industrie agiert und sich vor deren Karren spannen lässt und dass das letztlich hilft, ACTA den Weg zu ebnen. Und so pubertär und und auch kontraproduktiv die Aktion war, die Botschaft ist es nicht!  Menschen, die Angst haben, dass man ihnen etwas wegnimmt, reagieren mit Angst und Wut und wollen ihr Eigentum verteidigen. Da spielen Meta-Ebenen wie ACTA eben erst einmal keine Rolle.

Wer sich über ACTA informieren möchte: Markus Beckedahl von “netzpolitik.de” hat neulich in einem Interview mit der Süddeutschen genauer erklärt: “Keinem ist bewusst, was ACTA bedeutet“.

Was die Diskussion um das Urheberrecht daneben so unendlich schwierig macht, ist, dass es im Grunde kein “Die Urheber” gibt – wir sind nämlich keine homogene Gruppe. Allein darum ist dann auch der Name der Aktion von “Wir sind die Urheber” bereits ziemlich dumm.  Nehmen wir zum Beispiel die Musiker: Da gibt es Bekannte wie Sven Regener, die seit Jahren erfolgreich Platte um Platte veröffentlichen und das bereits in einer Zeit, als das Internet für den Vertrieb von Musik kaum eine Rolle gespielt hat. Und dann gibt es aber auch die Musiker, die kein Label haben und die zu klein sind, um sich bei der GEMA registrieren zu lassen, weil die Verteilsschlüssel ungünstig angelegt sind oder weil die bürokratischen Hürden enorm hoch sind, die dann alternative Wege benutzen, um auf sich aufmerksam zu machen.  Auf der diesjährigen re:publica habe ich eine Podiumsdiskussion zum Thema besucht, “Copyriot – Der Kampf der Kulturen”, und anwesend waren verschiedene Vertretern aus Musik und Verwertung, da wurde genau das dargelegt. Von der GEMA war übrigens leider niemand erschienen. Sobald es eine Aufzeichnung der Diskussion im Netz gibt, verlinke ich sie hier.

Und neben Musikern gibt es eben auch noch die Programmierer, die Grafikdesigner, die Illustratoren, die Fotografen, die Filmschaffenden, die Blogger, die Autoren, die Journalisten und eben auch die Texter.  Und alle haben aber nicht nur unterschiedliche Bedürfnisse, sondern bringen auch völlig unterschiedliche Voraussetzungen mit. Ein Autor, der von einem Literaturagenten vertreten wird oder einen Verlag gefunden hat, hat sicher andere Interessen als jemand, der seine Bücher selber als E-Book übers Netz vertreiben möchte. Als Texterin habe ich es zum Beispiel auch so gut wie nie mit Verwertern oder File-Sharing zu tun, dafür aber mit Textdiebstahl. Und arbeite ich für Redaktionen, muss ich mich oft mit unmoralischen Knebelverträgen herumplagen, in denen ich gezwungen werde, mein Urheberrecht (!) einfach abzutreten (!!). Auch die Begriffe sind schwierig, denn nur die wenigstens wissen um die Unterschiede zwischen Urheberrecht, Verwertungsrecht und Nutzungsrecht.

Es ist kompliziert. Aber ich habe meine Unterschrift als Statement dafür verstanden, dass für mich das, was bei “Wir sind die Urheber” gefordert wird, nicht der richtige Weg ist und gezeigt wird, dass “Wir Urheber” eben nicht “Die Urheber” sind. Momentan haben immerhin 892 Urheber dort unterschrieben, wer das ebenfalls tun möchte, kann das hier tun. Und ebenfalls empfehlenswert finde ich eine Unterschrift bei der Aktion “Wir sind die Bürger”, die die Situation nochmals sehr gut auf den Punkt gebracht haben.

Lesenswert übrigens auch der gerade bei SPON online gegangene Artikel von Sascha Lobo zum Streit über das Urheberrecht: Gabeln aus dem Drucker.

 

Daniela Warndorf, 40, lebt in Köln. Seit 2005 Inhaberin von warndorf Konzept, Text & PR – Büro für Kommunikation. Beschäftigt sich mit den Themen Kommunikation, digitales Leben, mobiles Arbeiten, Crafting und Fotografieren.

Kontakt: TwitterFacebookGoogle+XingFlickrInstagramGemacht mit Liebe

4 Kommentare

  1. Ich muss an dieser Stelle als Unterzeichnende mal widersprechen: ich gehöre definitiv *nicht* zu den Besserverdienenden unter den Urhebern, Ich gehöre zu den Leuten die dank eines wunderbaren Partners trotzdem irgendwie überleben und die spätestens beim Uschirentenplan ™ zum massiven Prekariat gehören, und langsam habe ich den Verdacht dass die Sache System hat.

    Sachdienliche Hinweise zu brauchbaren Staaten als Heimatumgebung nehme ich gern entgegen.

  2. Du bist Buch-Autorin mit einem Verlag, somit kümmert sich der Verlag um den Vertrieb und Du bekommst, je nach Vertrag, einen Teil des Erlöses. Somit verdienst Du eher an Deiner kreativen Arbeit als jemand, der keinen Verlag hat. Das bedeutet “besserverdienend” für mich in diesem Zusammenhang. Vielleicht hätte ich ein anderes Wort verwenden sollen, um es deutlicher zu machen.

  3. @Daniela
    Die Epoche, in der Verlage überflüssig werden rückt allerdings schon näher. Es gibt diverse Beispiele (vorallem im englischsprachigem Raum) wo Autoren durch selfpublishing zum einen schnell Bekanntheit und zum anderen schnell zu Geld gekommen sind.

  4. Nach einer ersten Irritation, weil ich zunächst den kleinen Artikel “die” nicht als trennenden Faktor zweier Aktionen erkannt habe, möchte ich mich für die schöne Zusammenstellung von Links und Infos bedanken.

    Ich versuche schon länger, mir zu diesem Thema eine Meinung zu bilden und mich danach auch einer zutreffenden Position/Aktion anzuschließen.

    Ich trug mich zunächst mit dem Gedanken, die Aktion mit “die” (wir-sind-die-urheber) zu unterschreiben, ausgelöst durch einen Artikel in der FAZ. Allerdings fand ich sofort den Initiator im doppelten Sinn undurchschaubar. Es gibt es keinerlei Informationen auf seiner Webseite Landwehr & Cie, welche Art von Geschäft er betreibt, was mir abwechselnd hochnäsig oder unseriös vorkommt (genauso wie das Popup beim Klicken auf \"Einsendungen\" dort).
    Nach Webrecherche stellte ich dann fest, dass hier kein Autor spricht, sondern ein Agent für seine Autoren.
    In Verhandlungen ist das natürlich seine Aufgabe, aber auch Meinungen nach aussen zu tragen?! Das kommt mir ungeschickt vor. Insbesondere, wenn ich dann über das Impressum der Aktion auf seine magere Webseite stoße.
    Nachdem ich dann noch den Brief des Sprechers ‘Netzpolitik & Sport’ der Grünen im Hess. Landtag fand, wo er mit Herrn Landwehr über die Positionen sprechen will, die sich aus dem Aufruf ergeben, wird es dann für mich ganz schwierig, weil diese Positionen bisher ein Geheimnis Herrn Landwehrs bleiben, er mich dann aber auch durch meine Unterschrift vertreten würde.
    Die Aktion ohne “die” (wir-sind-urheber)ist mir dagegen in anderer Richtung zu offen. “Die freie Entwicklung des Internets” über andere Rechte zu stellen ist mir zu martialisch und erinnert mich entfernt an den amerikanischen Freiheitsbegriff, wie er in Dennis Pragers diesjährigem Buch “Still The Best Hope” vertreten wird: Hauptsache frei, egal, wer darunter leidet.

    Deshalb werde ich wohl, nach weiterer Recherche, den für mich klarsten und ausgewogensten Aufruf http://wir-sind-die-buerger.de/ unterstützen.