Coworking III: Warum eigentlich Coworking?

Gepostet am 17 Nov 2011

Gibt es einen typischen Coworker, werde ich immer mal wieder gefragt. Die Antwort ist ganz einfach: Nein. In den paar Monaten, in denen ich im Betahaus arbeite, habe ich ihn jedenfalls noch nicht gefunden. Die Leute, die man hier trifft, sind völlig unterschiedlich, auch was die ausgeübten Berufe, das Alter oder ihre Motivation, Coworking zu nutzen, angeht.

Hatte ich anfangs damit gerechnet, im Coworking-Space eher jüngere Leute und vor allem Gründer zu treffen, war ich angenehm davon überrascht, dass die meisten Coworker doch zwischen 30 und 50 sind – und damit Berufserfahrung mitbringen und wissen, was sie tun. Was ich als sehr angenehm empfinde. Der Großteil der Betahäusler sind Einzelselbständige wie ich, aber es gibt auch Leute, die auf Dauer gemeinsam an einem Projekt arbeiten und dafür Arbeitsraum benötigen. Oder eben kleine Unternehmen, die sich bewusst für das Betahaus als Firmenadresse entschieden haben. Gemeinsam ist nur eines: Alle, die man hier trifft, benötigen für ihre Arbeit nicht viel mehr als Rechner, Internetanschluss und ein Telefon.

Die Gründe, hier zu arbeiten, sind sehr unterschiedlich. Die meisten haben es schlichtweg satt, weiterhin auf Dauer alleine daheim zu arbeiten. So ging es auch mir: In den ersten Monaten nach meinem Umzug nach Köln habe ich auch daheim gearbeitet. Nachdem ich zuvor in Konstanz fünf Jahre lang ein eigenes Büro gemietet hatte, fand ich diese neue Situation anfangs interessant, relativ schnell war ich davon aber genervt. Das Problem am Arbeiten daheim ist vor allem, dass man Arbeits- und Lebensraum nicht deutlich voneinander abgrenzen kann und dass es unendlich viele mögliche Ablenkungen gibt. Die schmutzige Wäsche, die gewaschen und anschließend auf die Leine gehängt werden muss. Die Katze, deren Fell man mal wieder bürsten könnte. Das Fenster, das so dringend mal geputzt werden müsste. Das Altpapier, der Abwasch und der Einkauf. Aber eben auch der Paketzulieferer, der irgendwann mitbekommen hat, dass man immer daheim ist und daher sämtliche Pakete der nicht anwesenden Nachbarn bei einem deponieren will. Wiederum andere haben vielleicht noch Kinder daheim oder schlichtweg nicht genügend Platz für ein Büro, was das Arbeiten erschwert. Schwierig dann auch: Was tun, wenn ein Kunde anruft und sich spontan mit einem treffen möchte, weil er gerade „ganz in der Nähe“ ist? Daheim empfangen und ihn in den ganz privaten Raum hineinlassen? Für mich kam das nicht in Frage, also saß ich dann schon auch mal bei Merzenich (Vorschlag des Kunden, nicht meiner!), um dort ein Briefing zu besprechen, während nebenan am Tisch die alten Damen bei ihrer Sahnetorte saßen und uns gebannt zuhörten. Unangenehm. Und auf Dauer auch nicht professionell. Ein ander Mal bestand jemand darauf, mir Unterlagen persönlich vorbeizubringen, anstatt sie mit der Post zu schicken. Abends um acht. Was tut man dann da?

Überhaupt, die Cafés. Gerade in Berlin ist das ein typisches Bild bei Starbucks & Co: Leute, die ihre Laptops mitgebracht haben, um hier zu arbeiten. Jahrelang gehörte es zur Firmenpolitik vieler Cafés, kostenloses WLan anzubieten, um damit vereinsamte Heimarbeiter anzulocken – denn wer viel am Rechner sitzt, trinkt meistens auch viel Kaffee, bzw. Latte Macchiato. Doch mittlerweile wird das offene WLan wieder eingeschränkt – bei Starbucks in Berlin beispielsweise beschwerten sich normale Kunden, keinen Platz mehr zu bekommen, um einfach „nur“ mal Kaffee zu trinken. Gut für die Coworking-Spaces: Denn ein Tag hier kostet nicht mehr als drei „Latte“ oder drei Club Mate – und Atmosphäre gibt es hier mehr als genug. Andere Cafés haben den Spieß einfach umgedreht: Das Café Oberholz, das als die Keimzelle der viel beschworenen Digitalen Boheme gilt, hat die obere Etage mittlerweile in einen offiziellen Coworking-Space umgewandelt.

Die Kosten sind auch ein häufig genanntes Pro-Argument: Coworking kostet zwar Geld, letztlich ist es aber immer noch günstiger, drei Mal pro Woche mit einem 12er-Ticket für 112 Euro (flexible Tische) im Betahaus zu arbeiten, wo man eine komplett funktionierende Infrastruktur vorfindet, als sich etwas eigenes zu mieten. Ich selber habe mittlerweile einen festen Tisch gemietet, an dem mein Rechner, mein Bildschirm und so weiter stehen – dafür zahle ich 279 Euro. Darin enthalten sind Kosten für Internet, Strom und Wasser, außerdem kann ich die Küche (mit Geschirr), Besprechungsräume, Drucker, Kopierer und Toiletten nutzen, es gibt es ein Café im Haus, in dem ich mich den ganzen Tag lang mit Essen und Trinken versorgen kann – und vor allem aber habe ich hier auch die Möglichkeit, Kunden in einem professionellen Ambiente zu empfangen.

Viele sagen auch, dass sie die Atmosphäre dazu motiviert, mehr zu arbeiten und somit produktiver zu werden. Es zieht einen eben mit, wenn, wenn rings um einen herum gearbeitet wird. Und vor allem aber ist es auch der Austausch mit den anderen. Wer zuvor alleine daheim gearbeitet, weiß das besonders zu schätzen, wenn jemand “guten Morgen” oder “tschüss, bis morgen dann!” sagt oder wenn man sich kurz miteinander am Drucker oder in der Kaffeeküche miteinander austauschen kann. Daneben gibt es viele andere Möglichkeiten, Leute kennenzulernen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Die meisten Coworking-Spaces bieten Veranstaltungen an – das können kleine Formate wie ein Stammtisch, ein wöchentlich gemeinsames Frühstück oder ein Mittagessen sein, aber eben auch größere Events wie Vorträge, Konferenzen, Schulungen, Ausstellungen oder Konzerte, zu denen dann auch Nicht-Coworker eingeladen sind. Aus Gesprächen entwickeln sich Ideen oder Pläne für gemeinsame Kooperationen. Oder aber auch einfach Freundschaften. Alles ist möglich.

Daniela Warndorf, 40, lebt in Köln. Seit 2005 Inhaberin von warndorf Konzept, Text & PR – Büro für Kommunikation. Beschäftigt sich mit den Themen Kommunikation, digitales Leben, mobiles Arbeiten, Crafting und Fotografieren.

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