Gepostet am 8 Jul 2010
Nicht nur freie Texter, auch Journalisten müssen sich immer wieder mit Preisdumping herumschlagen. Nachdem ich letztens über Paperblog geschrieben habe, nun ein Beispiel aus dem Arbeitsalltag einer kleinen Zeitung. Die Geschichte hat mir eine Bekannte erzählt, die als Journalistin tätig ist. Als freie Mitarbeiterin schrieb sie lange Jahre für eine kleine lokale Zeitung Reportagen, Portraits, Interviews und verschiedene Artikel zu allen möglichen Themen. Kein Job, um damit reich und berühmt zu werden, aber eben doch, um ein sicheres, regelmäßiges Zubrot damit zu verdienen.
Ungefähr sechs Jahre hatte L. für die Zeitung gearbeitet und in dieser Zeit so einiges miterlebt: Das Blatt gehörte zu einem größeren Verlagshaus, das aber in einer anderen Stadt lag. Unterstützung von dort gab es wenig, lediglich die Gewinne interessierten. Da der Markt an derartigen Publikationen übersättigt war, fielen diese nicht sonderlich gut aus, es fehlte zudem an überzeugenden Konzepten und erschwerend kam hinzu, dass die Personalsituation nicht gut war. Und so kamen und gingen die Verlagsstellenleiter, keiner blieb länger als eineinhalb oder zwei Jahre. Ersatz war jeweils schnell da, zuletzt waren ein neuer Redaktionsleiter und ein neuer Verlagsstellenleiter eingestellt worden. Beide kamen nicht aus der Gegend, in der das Blatt publiziert wurde und so war L. auf einmal diejenige, die sich am besten auskannte, was die Stadt, ihre Institutionen und vor allem ihre Ansprechpartner anging. Entsprechend war sie natürlich eine gern gesehene Mitarbeiterin, deren langjährige Erfahrung man mit Begeisterung in Anspruch nahm. Im Gegenzug zu den vielen Mails, Anrufen und Treffen, in denen man sie nach diesem und jenem befragte, unentgeltlich, erhielt sie im Vergleich zu den anderen fürs Blatt tätigen freien Mitarbeiter mehr und vor allem auch die besseren Aufträge, ein willkommener Deal.
Doch nach etwa einem halben Jahr setzten Schwierigkeiten ein: Immer öfter kürzte der neue Redakteur nun ihre Artikel, strich ganze Passagen heraus, änderte andere Absätze – und das oft so, dass der Inhalt des ursprünglichen Textes falsch wiedergegeben wurde. Ohne Rücksprache. Andere bestellten Artikel wurden verschoben oder erschienen gar nicht. Der Grund dafür lag nicht an den Texten, sondern viel mehr daran, dass die Blattplanung oft kurzfristig komplett umgestellt werden musste, weil zu wenig Anzeigen verkauft worden waren. Weniger Anzeigen bedeuteten nämlich weniger Seiten und somit auch weniger Platz für Redaktion. Ärgerlich war daran, dass L. nie rechtzeitig informiert wurde, als Freie arbeitete sie im eigenen Büro und so fehlte entsprechend die Anbindung an die Redaktion. Und so wunderte sie sich oft genug, warum gestellte Rechnungen zu spät bezahlt wurden, was dann erst auf persönliches Nachfragen geklärt werden konnte.
Und überhaupt, die Honorare: Für einen Artikel mit 3000 Zeichen plus Foto wurden 25 Euro bezahlt. Dafür setzte L. sich dann schon mal einen halben Vormittag lang in eine Pressekonferenz (1-2 Stunden), schoss ein Foto und bearbeitete das Bild (1/2 Stunde), bezahlte die Anfahrt aus eigener Tasche, bevor sie dann den Text überhaupt schreiben konnte (1-2 Stunden). Für eine halbe Seite gab es 50, für eine ganze 90 Euro. Nicht eben das, was man gut bezahlt nennen kann.
Irgendwann dann wollte die Zeitung eine Sonderbeilage herausbringen. Die Zeit war knapp, der Redakteur war mit anderen Projekten mehr als eingespannt, also rief man L. an: ob sie kurzfristig einspringen könne, man brauche noch einige Seiten für die Beilage, schaffe es aber selber nicht. Da diesmal nicht nur kleine Artikel, sondern ganzseitige Texte erscheinen sollten, sagte sie zu, ein anderer, besser bezahlter Auftrag lag nicht vor. Und so lieferte sie innerhalb von zwei hektischen Wochen die bestellten Texte, insgesamt sieben Seiten. Darunter eine Reportage, die auf einer Doppelseite erscheinen sollte: der Redakteur hatte dafür 10.000 Zeichen Text und sechs Fotos bestellt. Zusätzlich zum Telefonat war dies alles noch in einer E-Mail beschrieben, vereinbart war für den Text der übliche Satz: eine Seite mit 5000 Zeichen für 90 Euro, zwei Seiten mit 10.000 Zeichen entsprechend für 180 Euro.
Das Thema war spannend und L. investierte viel Zeit in die Geschichte: führte Interviews, recherchierte umfassend, besorgte Bilder aus Archiven. Eben das, was Journalisten so machen, wenn sie eine Geschichte schreiben. Der Aufwand allein für diesen Text betrug ungefähr 25 Stunden – und somit ein Aufwand, der mit dem dafür vereinbarten Honorar von 180 Euro nicht wirklich gedeckt war. L. hatte aber Spaß an dem Text und vor allem wollte sie gute Arbeit liefern. Der Redakteur nahm den Text ab, las ihn und lobte ihn begeistert. Es gäbe nicht nur nichts zu ändern, sondern die Geschichte sei ja mehr als großartig geworden. Und bedankte sich überschwänglich. Auch die anderen Texte wurden alle gelobt und ohne Änderungen abgenommen.
Dann erschien die Zeitung. Der doppelseitige Text war zwar in der ursprünglichen Länge auf der Doppelseite erschienen, allerdings in die Mitte gerutscht, so dass sich links und rechts neben dem Artikel eine halbseitige Spalte für Inserate fand. Statt der sechs Bilder waren nur zwei verwendet worden. In Briefmarkengröße. Optisch sah die Doppelseite fürchterlich aus. Aber das sollte nicht das Problem von L. sein, also schrieb sie ihre Rechnung wie besprochen. Und erhielt eine Woche später einen Anruf vom Redakteur: Da der Text ja nicht wie ursprünglich geplant auf der gesamten Doppelseite abgedruckt worden wäre, sondern genau genommen ja nur eine Seite für den Text benötigt worden wäre, wenn man die halbseitigen Anzeigenspalten links und rechts abschneiden würde, werde man auch nur eine Seite bezahlen. Alles andere müsse sie mit dem Verlagsstellenleiter besprechen, er selber könne dazu nicht sagen und habe jetzt auch ferner keine Zeit, darüber zu diskutieren. Knapp und unfreundlich, von der Begeisterung des letzten Anrufs war nichts geblieben. Also rief L. beim Verlagsstellenleiter an und stellte während der ziemlich unschönen Diskussion klar, dass sie einen schriftlichen Auftrag vorliegen habe, aus dem hervorging, dass 10.000 Zeichen mit mehreren Fotos für 180 Euro bestellt worden waren und dass das nun eben auch bezahlt werden müsse. Dass man nicht im Nachhinein einfach die Bedingungen zu Ungunsten des Mitarbeiters ändern könne. Und dass man das notfalls auch gerne rechtlich klären lassen könne.
Und was geschah? Nun, der Verlagsstellenleiter willigte schnell ein, das Honorar zu bezahlen. Und sagte: Da man ja offensichtlich unterschiedliche Ansichten in Sachen Honore habe, wolle man von einer weiteren Zusammenarbeit künftig absehen. L. war also nach all den Jahren raus, ruckzuck. Hinterher meinte sie: Nachdem man alle nötigen Informationen von ihr bekommen habe, sei sie eben nicht mehr interessant und trotz der lausigen Honorare zu teuer. Denn ihren Job machen nun zwei andere freie Mitarbeiter: Die eine Rentnerin, die andere arbeitslose Mutter.
Beide haben vorher noch nie für eine Zeitung gearbeitet, geschweige denn überhaupt geschrieben.
……
UPDATE 9. Juli:

Unter der Rubrik “6 vor 9″ hat Bildblog meinen Artikel verlinkt.
Das läuft ja eigenlich schon seit 20 Jahren so (wie es vorher war, weiß ich nicht), und es ist nicht unbedingt verwunderlich, dass im umkämpften Print-Markt die schwächsten Glieder in der Kette, nämlich die Freien, am rücksichtslosesten ausgebeutet werden. Ein Armutszeugnis ist das auch für die Interessenverbände (DJV etc.), die sich die Freelancer gerne als Beitragszahler ins Boot holen, aber augenscheinlich nicht viel für sie getan haben.
Viele der Freien sind oft noch nicht mal Mitglied im DJV oder bei Verdi: Weil die meisten von der Tätigkeit als freier Journalist allein nicht mehr leben können und daher nebenbei oft im PR-Bereich tätig sind – bzw. die Schwerpunkte sich dann oft irgendwann verlagern, weil man mit PR halt besser verdient. Und so entfremdet man sich zunehmend voneinander. Ich habe mich dort jedenfalls nicht mehr wirklich vertreten gefühlt und bin schon seit Jahren aus dem DJV raus.
leider nichts neues. die bezahlung ist miserabel und wer zu viel kostet, wird rausgemobbt. als redakteurin habe ich mich dafür geschämt, was freie bezahlt bekommen haben. an weihnachten gab’s nicht mal eine karte oder so. das hat keinen spaß mehr gemacht. diese woche fragte mich eine sehr gute freundin, wozu man noch journalismus brauche und bezahlen soll. das schlimme daran ist, dass auch die qualität des journalismusinfolge der schlechten bezahlung immer schlechter wird. den entscheidern geht es nur um kosten. mir fallen bald keine antworten mehr auf fragen von freundinnen ein…
ehrlos, schäbig und schmutzig zugleich.
… und es ist Alltag. Genau so läuft das. Interessant ist ja: L. hatte einen Vertrag. Seitenweise wurde dort beschrieben, dass sie sämtliche Rechte an ihren Texten abtritt. Über die Sache mit der Honorarhöhe: Keine Zeile.
Trotzdem. Die Verantwortlichen für die Situation sind nach wie vor die, die für so wenig Geld arbeiten.
@Creezy Und was tun, wenn der Journalist sich entscheiden muss zwischen Hartz IV und schlecht bezahlten Aufträgen in seinem eigentlichen Beruf? Manchmal ist das leider nicht ganz so einfach.
Ich dachte eigentlich ich hätte diese Zeiten längst hinter mir. Als gut bestallter und auch gut geforderter Redaktionsleiter habe ich mir neulich den Spaß gemacht, der Zeitung in Schwarzwald, bei der ich vor ewigen Zeiten ein Volontariat gemacht hatte, eine Story nebst Bildern anzubieten. Ohne Auftrag – einfach,weil ich Lust hatte, mal wieder eine ganze Seite (Wochenendbeilage) mit meinen Texten zu beglückten. Die Bezahlung – lausig, lausig. Auf Nachfrage gewährte man mir dann ausnahmsweise einen Zuschlag, wegen der besonders aufwendigen (!) Bilder.
Sehr großzügig – ein FreiFreier wird sich das nicht oft leisten können.
Ich schreibe gerne, aber ich bin froh, dass ich nicht mehr von Zeitungen abhängig bin, die von Verlegern und Investoren ausgepresst werden wie Zitronen und am Wesentlichen sparen – den Inhalten.
Lies das mal, auch bei uns werde die Gagen gedrückt.
http://blog.bffs.de/2010/06/sind-wir-nun-endgultig-auf-den-hund-gekommen/
@Daniela
Das ist auch nicht einfach, es ist auch mittlerweile ziemlich unmöglich, weil die Generation Praktikum/Volontariat längst als solche im Finanzgeschehen etabliert ist. Aber der Fehler im Ursprung liegt mit zu einem großen Teil bei denen, die für Lohndumping für sich nicht rechtzeitig nein gesagt haben. Und man darf nicht den Fehler nur bei den Verlagen suchen.
Dass Auftraggeber wenig zahlen wollen, das ist Marktwirtschaft. Sie tatsächlich wenig zahlen zu lassen und deren Vorgehen so etablieren zu lassen, da muss man sich an die eigene Nase fassen. Ich kenne das ja selber aus der Fotografie. Da ist es ja nicht anders. Aber ich weiß z. B., dass ich auch als Neue in dem Job mir keinen Gefallen tun werde, wenn ich meine Kollegen und deren Preisgefüge unterbiete, „um den Job zu kriegen“. Das machen so viele und das ist schlicht dumm. So killt man Arbeitsmärkte aus Sicht der Arbeitnehmer durch Arbeitnehmer. Eine Firma mag sich das hier und da leisten können zur Kundenakquise. Ein Freier nicht. Man muss da rein betriebswirtschaftlich rangehen: ein Freelancer, der wissentlich Jobs annimmt bei denen er draufzahlt, ist sowieso finanziell zum Scheitern verurteilt.
Wenn hingegen die ganze Batterie von Freien in den Redaktionen sagen würde, nein, für das Geld arbeite ich nicht. Und zwar nicht, weil ich es mir nicht leisten (Looserimage) kann sondern weil ich es für mich nicht für akzeptabel halte (Winnerimage), dann würden die Chefredakteure bei der dritten Absage, während ihnen der Job unter den Hinter brennt, umdenken müssen. Mit wem arbeiten die dann lieber zusammen? Mit dem Winner? (strahlt Kompetenz auf allen Ebenen aus) Oder mit dem Looser? (Uninteressant, sagt zu allem ja, bricht also bei Schwierigkeiten ein).
Sieh mal oben bei der Geschichte, die Du erzählt hast, wird doch ein Verhalten deutlich. Die Frau hat den Mund aufgemacht, hat viel zu viel dabei mit sich reden lassen bis sie auf ihr Recht gepocht hat. Und die Redaktion hat sich hingestellt und das bisschen Macht, was sie hat, ausgespielt. Was glaubst Du denn, was passiert wäre, wenn die Frau viel früher gesagt hätte, „So Leute. Mit mir nicht, 1. es wird gezahlt, was vereinbart war und 2. das war der letzte Job, den ich für Euch gemacht habe, ICH habe EUCH nicht nötig“ und für sich das Stoppzeichen gezogen hätte. Die wären auf die Frau allerspätestens wenn Not am Mann ist wieder zurück gekommen. Weil nämlich leider auch bei Preisverhandlungen Image alles ist. Interessanterweise gibt es nicht wenig Leute in diesem Land, die sehr wohl auch Verlagen, Redaktionen ihre Preise diktieren. Und jeder Chefredakteur will mindestens so einen in seinem Portfolio haben, der ihm mal die Stirn zeigt. Die stehen da auch drauf.
Man muss tunlichst sich verbieten in die Spirale zu gelangen, sich unter Wert zu verkaufen. Wer damit anfängt, der signalisiert seinem Gegenüber nämlich seine Wertlosigkeit – wer die ausstrahlt, verdient nie den Pokal, erhält allenfalls den Trostpokall. Es ist mehr Psychologie und Vertriebstraining, als man glauben mag.
@Creezy Prinzipiell sehe ich das ganz genauso. Es gibt aber eben manchmal Situationen, da kann ein Freier einfach nicht sagen: ich mache das nicht. Situationen, in denen man die 500 Euro, die man statt der eigentlich angemessenen 1000 oder 2000 Euro nicht liegen lassen kann, weil man damit die Miete bezahlen muss. Bei L. war es jedenfalls so. Und dazu gab es ja auch noch die langährige Zusammenarbeit, die bis dahin ja auch wesentlich besser lief. Ich will das nun nicht rechtfertigen, nur aber darauf hinweisen, dass es manchmal eben auch Gründe gibt, warum man das Spiel mitmachen muss, jedenfalls für eine Weile.
Ich hätte den Artikel gerne gelesen, aber bei den fehlenden Absätzen und Zwischenüberschriften, der kleinen Zeilenhöhe und dem Blocksatz tun mir die Augen weh. ^^
Ich bin über die Verlinkung vom BildBlog hier gelandet. Und kann das gar nicht fassen: 25 Stunden Aufwand für 180 Euro? Das ist ein Stundenlohn von 7,20 Euro. Das darf doch nicht sein.
Zahlreiche Schülerferienjobs werden besser bezahlt, teilweise eklatant besser. Und dort geht es um Arbeitskräfte ohne jede Ausbildung.
Ich kann nur zu dem Schluss kommen, dass derlei Aufträge gar nicht angenommen werden dürfen. Das ist unwürdig.
@Florian Ich fürchte, da musst du durch. Es kann ja nicht jeder ein solch, äh, plakatives Layout haben wie Du :)
@Dirk Den Artikel hätte man sicher auch schneller schreiben können. Aber entsprechend wäre die Qualität gewesen. Und immerhin steht dann ja nachher auch der Name darunter….
andererseits: Das sind Löhne, wie sie für Freie nicht unüblich sind. Schau Dich mal um in den Redaktionen…
wir brauchen mal wieder einen ordentlichen krieg. dann gehts wieder von vorne los.
Eine kurze Anmerkung zum Argument der verteilten Verantwortung:
Selbstverständlich trägt das Verhalten der Freien, auch wirtschaftlich unrentable Aufträge anzunehmen, eine schäbige Bezahlung anzunehmen, dazu bei, daß Honorardumping überhaupt funktioniert.
Allerdings hört dieses Argument an der Lebenswirklichkeit des einzlenen freien Mitarbeiters auf, richtig zu sein. Weil der Wettbewerb so groß ist, die Marktschranken aufgrund des lächerlich niedrigen Anspruchs an die nötigen handwerklichen Fähigkeiten so niedrig sind, gibt es immer jemanden, der es im Zweifel billiger oder wahlweise schneller, länger oder kürzer macht. Also geht es billiger. Immer. Denn will der Freie den Auftrag, dann hat er zu dem reduzierten Tarif zuzugreifen. Er selbst verdient damit nämlich das Geld oder die Befriedigung, mit der er den politischen Akt der Verweigerung ansonsten bezahlen würde. Und bei Geld hält der Idealismus erfahrungsgemäß schön die Fresse.
Vor dem Hintergrund des Preiswettbewerbs, der die Auswahl der Freien letztlich regiert, ist nur Raum für eine kleine Gruppe von Autoren, die ihre eigene Qualität als Mindestgrundlage für eine angemessene Bezahlung durchsetzen können. Bei den kleinen Zeitungen dürfte diese Gruppe allerdings winzig sein; selbst langjährige Verbundenheit zu einer Redaktion ist offensichtlich kein Kriterium.
So bleibt es dabei, daß die Kohle den Takt angibt.
Bei uns Übersetzern ist das genau dasselbe. Ich kenne dieses Lamento auswendig – nur eben aus einer anderen Branche. Und fragt mal freie Grafiker.
Ich selbst erziele recht gute Preise, weil ich mich von Anfang an konsequent geweigert habe, mich unter dem Wert zu verkaufen, den ich für angemessen halte. Ich habe eine Schmerzgrenze und bin da auch in der Kommunikation mit potentiellen Kunden sehr klar. Es ist doch so: Für 7,50 € kann ich auch Bier zapfen gehen. Und das sollte man dann konsequenterweise auch tun, denn dann geschieht nicht, was creezy zu Recht beklagt: dass die Redaktionen sicher sein können, jemanden zu finden, der es billiger macht.
Allerdings stelle ich, wenn ich selbst mal Aufträge fremdvergebe, immer wieder fest: An dieser Aussage von fleischmannimmond könnte was dran sein:
“Vor dem Hintergrund des Preiswettbewerbs, der die Auswahl der Freien letztlich regiert, ist nur Raum für eine kleine Gruppe von Autoren, die ihre eigene Qualität als Mindestgrundlage für eine angemessene Bezahlung durchsetzen können.”
Und das hat meines Erachtens (auch aber nicht nur) mit der oben erwähnten Qualität zu tun.
Fazit: In allen kulturaffinen freien Berufen dasselbe Elend. Hätte ich nur BWL studiert!
korrekte Bezahlung ist sehr wohl vorgesehen…….habe immer Themen die umgesetzt werden müssen……bald ist wieder Themenrunde…..sobald Themen feststehen, verteile ich die auch gerne mal – nur mal so als Hinweis :-)
http://www.austermedia.de
gruß
Kay
Ja, das ist sehr richtig, dass menschenwürdige Beschäftigung Leistungen in Übereinstimmung mit einer Vereinbarung zwischen zwei Parteien, aber manchmal macht es keinen Sinn für das gegenseitige Misstrauen zwischen einander
http://theidiotgame.com Quelle
Ganz klar ein Fall für die Protextbewegung und http://www.textguerilla.de/
Mit kollegialen Güßen!
Eva Herold
http:twentyfirstcenturycat.wordpress.com
http://catinnovazions.wordpress.com
@ Eva Ja, danke für den Tipp!
“Und dass man das notfalls auch gerne rechtlich klären lassen könne.”
Das ist der Schlüsselsatz. Damit war alles gesagt. Kein Chef läßt sich von (freien) Mitarbeitern drohen. Nicht schön aber Realität. Besseres kaufmännisches Verhalten wäre gewesen von Anfang an klare Geschäftsbeziehungen zu definieren, z.B. auf Grundlage von verbindlichen AGBs (Muster beim DJV).
@Pit Ich glaube kaum, dass L. Interesse hatte, für einen solch unseriösen Laden weiterzuarbeiten :)
Ich denke jeder Redakteur und jeder Blogger weiß, was Texte schreiben und sich informieren für ein Aufwand ist, zumal es wirklich eine Menge Zeit verschlingt. Ich denke, wenn man gute Arbeit macht, dann sollte man auch vernünftig bezahlt werden.
Also das ist ja im Wesentlichen nix Neues. Das charmante an dieser Geschichte ist, dass der Verlag in diesem Fall den Bogen so weit überspannt hat, dass eine Mitarbeiterin trotz jahrelanger Verbundenheit das Spiel nicht mehr mitspielen wollte.
Ich habe auch mal für einen regionalen Zeitungsverlag gearbeitet. Dort war es ganz normal, dass die Honorierung nach dem tatsächlich gedruckten (und nicht dem eingeschickten) Artikel vorgenommen wurde. Es hatten dort auch alle Freien einen “richtigen Job”. Und dass sich der Blattumfang nach den jeweils für die Ausgabe (und auch innerhalb der Ressorts) aquirierten Anzeigenkunden bemisst, dürfte für die o.g. Mitarbeiterin ja auch keine Überraschung gewesen sein.
Nicht, dass ich das gut finde. Aber man darf die Sache dann auch nicht sensationeller darstellen als sie ist. Habe auch immer viel zu viel Arbeit in die Beiträge gesteckt. Die Wahrheit ist: wo die jeweilige Zeitung ein Monopol hat, ist die Qualität dem Verlag ziemlich egal. In meiner ehemaligen Bude war es den Freien sogar egal, ob die Uhrzeiten bei den Veranstaltungstipps richtig waren. Ich habe dann immer einen Lachkrampf gekriegt, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass man das Risiko eingeht, dass der Leser/die Leserin einen teuer bezahlten Konzertbesuch verpasst oder einen halben Tag zu früh da ist.
Könnte man sich nicht nötigenfalls als Freier ein Pseudonym zulegen und den Redaktionen einen Text abliefern, der in der Qualität dem Honorar entspricht?
Also z.B. maximal 10 Std. eigener Aufwand für 180 EUR, danach wird nicht mehr gefeilt, recherchiert, Bildbearbeitet etc. pp?
“…Nun, der Verlagsstellenleiterin…”
Was denn nun? ;)
@Nemona Ah, danke für den Tipp, das habe ich übersehen. Wird gleich korrigiert.
“Und dass man das notfalls auch gerne rechtlich klären lassen könne.”
Meine unmittelbare Reaktion als ich dies las: Und somit hat sie ihren letzten Auftrag von dieser Zeitung gehabt. Diese Vorahnung hat sich dann wenige Sätze weiter im Text bestätigt.
Hat die Dame irgendetwas falsch gemacht? Natürlich nicht!
Das Problem ist, dass es in den meisten Fällen und den meisten Umständen zu wenige Menschen gibt, die für ihre Rechte aufstehen—mit Folge, dass Firmen auf eben diese wenige verzichten können. Beispiele für das selbe Prinzip lassen sich leicht finden, z.B. in der Kündigung des unbequemen Privatkundens, der sich nicht überbevorteilen lassen will. Eben das oben geschilderte Beispiel kommt nebenbei auch auf Firmenebene vor. So hatte ich rund 2001 einen Arbeitgeber der eine sehr lohnende Vereinbarung mit einem Großbanken geschlossen hatte. Wegen der damalige Krise hat sich die Bank von dem Geschäft zurückgezogen—und meinen Arbeitgeber hatte jetzt die Wahl: 1. Klagen, das einmalige Geld bekommen, und zukünftig von dieser Bank (und eventuell auch andere Banken) als Troublemaker vermieden werden. 2. Die Sache fallen lassen, in der Hoffnung zukünftige Projekte zu erhalten. (Die Wahl fiel auf 2.)
Die Sache mit dem Honorar: Riesensauerei. Und dabei absolute Normalität. Wie wak oben schreibt: Man schämt sich als Redakteur dafür, was Freie verdienen. Soweit d’accord.
Aber.
Dass Redakteure Texte redigieren, Passagen rauskürzen, womöglich sogar ohne Absprache mit dem Autor den Text verändern, das ist vollkommen in Ordnung. Weil das nämlich ihr Job ist: Sie müssen den Text des Autors für die Praxis des Drucks fit machen. Und ein guter Redakteur ist genau dafür ausgebildet: den Text soweit zu bearbeiten, dass er hinterher immer noch der Text des Autors ist. Sollte es bei Ihrer Bekannten wirklich so gewesen sein, dass “der Inhalt des ursprünglichen Textes falsch wiedergegeben wurde”, dann liegt das nicht an einer Praxis, die in Redaktionen zu Recht Usus ist. Dann liegt das daran, dass in diesem konkreten Fall ein richtig schlechter Redakteur arbeitete.
Wobei, wenn ich lese, was Sie sonst so über die betreffende Redaktion schreiben, dann scheint das ja durchaus im Bereich des Möglichen zu liegen.
Update: Eben gesehen, dass “Academie.de” den Artikel verlinkt hat. Danke!
http://blog.akademie.de/eintrag/2252/aus-dem-leben-eines-texters