100 Jahre Neuwerk

Gepostet am 13 Jul 2007

Das Neuwerk im Jahr 2007

Das markante rote Gebäude im Konstanzer Industriegebiet am Kreisverkehr vor der neuen Rheinbrücke kennt sicher jeder Konstanzer. Doch die wenigsten wissen, dass das Haus nicht nur auf eine turbulente Geschichte zurückblicken kann, sondern 80 Gewerbetreibenden, Künstlern und Handwerkern der unterschiedlichsten Art und Künstlern Arbeits- und somit Lebensraum bietet.

In diesem Jahr wird nicht nur das Gebäude 100 Jahre alt, auch der vor 10 Jahren gegründete Neuwerkbund, der Vorläufer der Neuwerk-Genossenschaft, feiert seinen ersten runden Geburtstag.

1910 bis in die 70er-Jahre: Von der Gipsplatte zum Regenmantel

Der Gebäudekomplex, der sich rund um einen zentralen Innenhof zieht, wurde 1907 vom Konstanzer Architekten Martin Sauter als Industriegebäude für eine Gipsplattenfabrik geplant, nach Fertigstellung zog 1909 das „Konstanzer Duroplattenwerk“ ein.

Das Gebäude im Jahr 2005 vor der Sanierung von aussen…

1914, zu Beginn des ersten Weltkrieges, kaufte die Familie Stromeyer das Gebäude auf, um es als „neues Werk“ zusätzlich zu den bereits vorhandenen Industrieanlagen im „Stromeyersdorf“ kriegswirtschaftlich zu nutzen. Stromeyer war in Europa führend in der Produktion von Zeltplanen und Zeltstoffen, produzierte aber zum Beispiel auch in den 60er- und 70er-Jahren die grellbunten Regenmäntel. Nach Umsatzschwierigkeiten in den 60er-, bzw. der Ölkrise in den 70er-Jahren, kam aber schließlich das Aus: Öl war für die Produktion der wasserfesten Planen und Stoffe der entscheidende Grundstoff.

 

 

Die 80er: Wilde Mieter und subversive Parties

In den großen leerstehenden Hallen des Neuwerks siedelten sich bald die ersten Handwerker, Künstler und Bands an, Parties und Konzerte wurden veranstaltet und eine lebhafte Szene entstand – alles natürlich zunächst nicht offiziell.

Der Hof vor der Sanierung…

Mitte der 80er-Jahre wurde das Gebäude vom Bundesvermögensamt (BVA) erworben, das die Räume dann offiziell günstig vemietete – mit Erfolg, denn große, helle Räume waren in Konstanz wie auch heute Mangelware. Die BVA investierte aber nicht mehr in die Instandhaltung des Hauses, geplant war nämlich der Abriss als Ausgleichsfläche bei Baubeginn der B33. 1997 flatterten dann auch die Kündigungen der BVA ins Haus:

„Der Gebäudekomplex ist absolut unübersichtlich gegliedert, die einzelnen Nutzungseinheiten, welche zum Teil durch unkontrollierte Untervermietung weitergegeben wurden, sind zum Teil nur durch Spanplatten voneinander getrennt oder durch Wand- und Deckeneinbrüche miteinander verbunden. Die wenigen vorhandenen sanitären Anlagen sind in einem völlig verwahrlosten Zustand. Es ist daher eine dringende Forderung des Brandschutzes, die derzeitige Gebäudenutzung so schnell als möglich zu beenden, das gesamte Gebäude zu leeren, auszukernen und letztendlich abzubrechen“

So das Kündigungsschreiben. Doch die 50 Mieter, die inzwischen in Eigenregie und mit mit viel Improvisation, Liebe und Mühe ihre Werkstätten, Büros und Ateliers eingerichtet und ausgebaut hatten, wollten „ihr“ Neuwerk natürlich nicht so einfach aufgeben, zumal sich aus vielen ursprünglichen Ein-Mann-Unternehmen mittlerweile wirtschaftlich arbeitende und ernst zu nehmende Betriebe entwickelt hatten und entsprechende Gewerbeflächen in Konstanz in dieser Form nicht zu haben waren.

1997: Die Genossen machen mobil

So organisierte man sich 1997, also vor genau zehn Jahren, im neugegründeten ,„Neuwerkbund“, machte mit Veranstaltungen und öffentlichkeitswirksamen Widerstand mobil und erarbeitete ein Konzept zur Erhaltung des Gebäudes:

Aussen vor der Sanierung…

Das Projekt „Neuwerk 2000“. Angeregt wurde darin unter anderem eine kleine Verlegung des ursprünglich geplanten Straßenverlaufs. Der Leitspruch „ Gewerbe trägt Kultur“ wurde außerdem formuliert: Gewerbetreibende sollten eine höhere Miete als Kulturschaffende zahlen, damit sich auch diese ihre Ateliers weiterhin im Haus leisten konnten. 1999 stimmte der Gemeinderat ein erstes Mal, im kommenden Jahr ein weiteres Mal darüber ab – und gab nach viel Hin- und Her grünes Licht. Am 10.4. 2000 wurde aus dem ursprünglichen Neuwerkbund die Neuwerkgenossenschaft gegründet. Diese kaufte der BVA das Gebäude samt Gelände für eine Million Mark ab und begann schließlich im Jahr 2002 mit umfangreichen Sanierungsmaßnahmen. Und zwar auf eigene Kosten und in kompletter Eigenregie.

2002 – 2005: Sanierung mit 70 Bauherren

Über 9.000qm Gesamtfläche galt es vollständig zu sanieren. Vom ursprünglichen Gebäude bliebeigentlich nur der Rohbau erhalten. Innenwände wurden größtenteils abgerissen und neu eingezogen, um eine optimale Raumaufteilung zu erhalten, Laubengänge zur Erschließung wurden angebracht, Dach, Fenster und Türen wurden erneuert, Tore eingesetzt, Hof und Außenbereich geteert und gepflastert, Grünstreifen gezogen, Außentreppen eingerichtet, die gesamte Infrastruktur für Wasser, Strom und Heizung erneuert, Fassaden gedämmt und verputzt und gestrichen. Und das in Rekordzeit: Nach der Grundsteinlegung am 28.06.2002 wurde der letzte Pinsel Mitte 2005 geschwungen.

… und nach der Sanierung

Den Innenausbau der eigenen „Bodegas“ (Name der Räume im Neuwerkjargon) stemmten die Genossen weitestgehend in Eigenleistung. Auch Teile der Grundsanierung führten die Genossen auf „Muskelhypothek“- Basis selber durch, um weitere Kosten zu sparen: Jedes Mitglied der Genossenschaft spendete 100 Stunden Arbeitszeit für die allgemeine Sanierung des Neuwerks. Die anderen  Arbeiten wurden an regional ansässige Handwerksbetriebe vergeben. So konnten die Kosten der Sanierung mit rund 2,9 Millionen Euro (300,- €/qm) gering gehalten werden. Andererseits galt es, 70 „Bauherren“ mit vielen unterschiedlichen Vorstellungen und Wünschen im wahrsten Sinn des Wortes unter einem Dach zusammen zu bringen und demokratische Entscheidungen der Genossenschaft zu integrieren, was nicht immer einfach war, letztlich aber erfolgreich durchgeführt werden konnte.

Neuwerk 2007

Schaut man sich das Gebäude heute an, strahlt es eine besondere Mischung aus Alt und Neu aus. Überall finden sich Zeichen, aber auch kleine Ecken und Kanten aus seiner Zeit als Industriegebäude, die liebevoll erhalten und im „neuen“ Neuwerk integriert wurden. Andererseits ist alles modern, hell und großzügig angelegt: Ein Ambiente, das Leben ausstrahlt und Kreativität weckt.

… und aussen nach der Sanierung

Heute “bewohnen 82″ Mieter der unterschiedlichsten Bereiche das Neuwerk – eine Vielfalt, die in dieser Form wohl einzigartig ist: So finden sich hier neben den 18 Neuwerk-Künstlern und ihren Ateliers zahlreiche Gewerbetreibende wie Schlosser, Stuckateure, Maler, Architekten, Bauzeichner, Mosaikbildner, Snowboardhersteller, Kommunikationsdesigner, Statiker, EDV-Netzwerktechniker, Anwälte, Gartengestalter, Managementberater, Werbetechniker, Fotografen, Industriedesigner, Trickfilmmacher, Möbelanbieter, Markenmotorrad-Ersatzteilhändler, Internetdienstleister, Redakteure, Kfz-Mechaniker, Zimmerer, aber auch ein Schmuckatelier, einen Sanitärbetrieb, ein Keramikatelier, ein Fitness-Studio mit Physiotherapie, ein Anbieter von Technischem Geweben, eine Fahrradreparaturwerkstatt, und, und, und…

40 der Mieter haben im Keller ihren Platz: 20 Bands proben regelmäßig in ihren Proberäumen und viele Bastler, Tüftler und Schrauber haben sich ihre Werkstätte und Hobby-Räume eingerichtet. Im Erdgeschoss hat der Verein Belladonna e.V. seine Räumlichkeiten, im Hofbereich hat sich mit der kantine KN GmbH eine Gastronomie etabliert, die im Sommer einen wunderschönen Biergarten im Hof anbietet und auch abends ein umfangreiches Konzert- und Veranstaltungsprogramm veranstaltet. Der Kunsthalle Neuwerk e.V. stellt regelmäßig in den oberen Räumlichkeiten aus und mit dem orangeX gibt es Partyräume, die von Kindern und Jugendlichen, aber auch von Erwachsenen zu günstigen Konditionen vom Neuwerk angemietet werden können.

Das Neuwerk bietet somit eine einzigartige, bunte Mischung, die sich im Sinne der Genossenschaft auch immer gegenseitig unterstützt und trägt. Denn das Projekt „Neuwerk“ wird nach wie vor nicht nur selbst verwaltet, sondern trägt sich auch finanziell komplett selber.

 

Daniela Warndorf, 40, lebt in Köln. Seit 2005 Inhaberin von warndorf Konzept, Text & PR – Büro für Kommunikation. Beschäftigt sich mit den Themen Kommunikation, digitales Leben, mobiles Arbeiten, Crafting und Fotografieren.

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